Inequality revised - Nietzsche und Globalisierung
Friedrich Nietzsche und wirtschaftliche Globalisierung
Ich befürchte, Nietzsche hatte Recht, als er Europa eine Sklavenmoral attestierte. Ich behaupte, er hat heute unrecht, wenn die Ursache eben jener im Juden- und Christentum gesucht wird. Lange Zeit war die Sklavenmoral den Herrschenden nützlich. Der Wert einer Sache, ihre Nützlichkeit, machte die Frage nach Wahrheit letzlich belanglos. Inzwischen wendet sich das Blatt. Doch es sind nicht die Untertanen, die erfolgreich zum Aufstand rüsten, sondern die Herrschenden selbst, die erkennen, dass die Beibehaltung des status quo ihre Niederlage besiegeln würde.
Doch der Reihe nach. Sklavenmoral wird aufgrund ihrer Nützlichkeit von Herrschenden aufrechterhalten. “Gut” und “dumm” nähern sich einander an. Wickerts “Der Ehrliche ist der Dumme” trifft in all jenen Systemen zu, in welchen falsche Anreizsysteme vorliegen, in welchen moralisch gutes Verhalten nicht belohnt, sondern bestraft wird. Institutionen in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung zu nehmen, wie etwa in den Internationalen Beziehungen (neuer Institutionalismus), der Ökonomik (neue Institutionenökonomie) und der Wirtschaftsethik (Homann, Suchanek, Pies) geschehen, war der logische nächste Schritt.
Diese Analyse ist an sich schon komplex genug, vernachlässigt aber wichtige Punkte. Akzeptanz- und Legitimationsprobleme, individuelles Gerechtigkeitsempfinden (etwa, was als gerechte Verteilung wahrgenommen wird) und Aggregationsprobleme dürfen nicht vernachlässigt werden. Damit eine Gesellschaft eine Unternehmung zum Wohle aller wird, so Rawls in seiner berühmten Einleitung zur theory of justice, müssen weit mehr Faktoren berücksichtigt werden, als dem positivistischen Ökonomen lieb sein kann.
Zurück zum alten Friedrich. Nehmen wir an, dass funktionalistische Erklärungen nicht ganz so schlimm sind, wie von John Elster gerne behauptet und akzeptieren wir ferner, dass freies Assoziieren Denkverbote durchbrechen und damit wichtige Fragen stellen kann, wodurch wiederum die Definitionshoheit bestehender Begrifflichkeiten und den dahinterstehenden Definierenden zumindest in Frage gestellt werden.
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Brechts berühmter Ausspruch leitet meine erste These ein. Wir haben die Phase des reinen Fressens in großen Teilen der Welt längt überwunden. Anders gesagt: Wir sind anspruchsvoller geworden.
Nehmen wir an, dass die seit etwa 20 Jahren vorherrschenden Rahmenbedingungen eine neue Qualität, etwas bisher unvergleichbares Darstellen. Und nehmen wir ferner an, dass viele Menschen dieser so genannten “Globalisierung” (im Folgenden nur im wirtschaftlichen Sinne) kritisch gegenüber stehen.
Globalisierung und Ungleichheit
Neben dem HDI-Index, der auf Sens und Nussbaums Untersuchungen basiert, bestehen diverse Indizes um Lebensqualität und Ungleichheit zu messen. Lässt man die Problematik, wie interpersonelle Vergleichbarkeit überhaupt möglich ist, beiseite, so ergibt sich folgendes Bild.
Der Gini Koeffizient zeigt Ungleichheit auf einer Skala von 0 (perfekte Gleichheit) bis 1 (totale Ungleichheit) an. Er bezieht sich ausschließlich auf Einkommen und Wohlstand.
Das aktuelle UN-Ranking spricht Bände.
“The average Gini coefficient for private households’ net income for the Organization for Economic Cooperation and Development countries climbed from 0.29 in 1985 to 0.31 in 2000. [...]Above-average inequality can be found in the UK, Italy, Spain and especially the US, with 0.37, while income is less concentrated in Germany with 0.29 and especially the Nordic countries.” Quelle
Warum scheinen in Deutschland also mehr Leute globalisierungskritisch (d.h. sie sind mit der eingeschlagenen Entwicklung, aber nicht mit dem Prozess an sich unzufrieden) eingestellt zu sein und organisieren sich bei ATTAC und Co? Bestehen unterschiedliche Kulturen der Zivilgesellschaft oder liegen unterschiedliche Erwartungen und Anreize vor?
Neue Herausforderungen
Bestehende Gewohnheiten und Moralvorstellungen ver- oder behindern viele Menschen, sich heutigen “Notwendigkeiten” anzupassen. Ein Arbeitsplatzwechsel, die Pflicht einem Arbeitsplatz hinterherzuziehen, ist für viele heute noch undenkbar. Dies gilt v.a. für Wenig- und Nichtqualifizierte. Dies verhindert jedoch eine Beteiligung am Gewinn der Globalisierung.
“As long as less-skilled workers cannot shift to more productive tasks, increasing income inequality remains a threat.” Quelle
Damit stellt sich im nietzscheanischen Sinne die Frage, ob und wem die bestehende Sklavenmoral noch nützt. Ist sie nicht längt überfällig?
Der schlaue Unternehmer und Freigeist hat die Zeichen der Zeit längst erkannt und setzt auf “Gesinnungs- durch Bedinungswandel”. Eine Auseinandersetzung mit Akzeptanzproblemen, mit der Legitimation von Maßnahmen und Prozessveränderungen und eine Verstärkung um Bereich CSR aber auch die Einbindung der Ärmster der Armen in Wertschöpfungsketten (etwa durch BOP-Ansätze) ist keinem Samaritertum, sondern der Erkenntnis geschuldet, dass diese Maßnahmen notwendig sind, um ein Gesamtsystem aufrecht zu erhalten, das momentan in große Schwierigkeiten (ob eingebildet oder real ist hier unwichtig) geraten ist.
Die Aufgabe, unsere Welt umwelt- und sozialgerechter zu gestalten, wird somit zwangsweise auf die Agenda großer MNCs gesetzt. Die hermeneutische Trennung zwischen Wirtschaft, Politik und Moral dient zwar der Orientierung, ist aber lebensweltlich nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Auseinandersetzung mit ganzheitlich(er)en Ansätzen ist deshalb dringend erforderlich.
“Nietzsches Credo“
Wenn die vorherschende Moralvorstellung nicht mehr nützlich und anwendbar ist, muss sie hinterfragt und angepasst werden.
Was kommt dabei zu kurz? Der Status quo ist weder naturgegeben noch naturwüchsig und als solcher nicht unveränderlich. Analog zum rawls´schen Überlegungsgleichgewicht müssen Realität und Anspruch in einem wechselseitigen Prozess aneinander angepasst werden. Dies mag nur eine zweitbeste Lösung sein, sie ist jedoch in der Lage schwierige Veränderungen zur rechten Zeit zu ermöglichen und zugleich selbstkritisch und fragend in die Welt zu schauen.

Nachtrag 1:
Erklärungsversuch für den unterschiedlichen Umgang mit Ungleichheit:
“[In den USA]ist die gegenseitige Abhängigkeit von Reichen und Armen in Ermangelung staatlicher Absicherung wesentlich größer. Darum ist aber auch die gefühlte Ungerechtigkeit kleiner. Die Reichen konkurrieren dort miteinander, wer mehr Gutes tut. Da gibt es Ranglisten. Die Verpflichtung für einen Reichen, etwas für die Gemeinschaft zu tun, ist in Amerika selbstverständlich.”
Vermögensforscher Druyen (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/finanzen/artikel/31/159598/21/)
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