Tun Sie mich doch in Ruhe lassen, Bastian Sick!
Mir ist es ein Herzensanliegen darauf hinzuweisen, dass mit den unsäglichen “Der Dativ ist dem…”-Streitschriften nicht alles gesagt ist. Vielmehr tauchen immer mehr lobenswerte Germanisten auf, die sich der kleinbürgerlichen und kleingeistigen Vereinnahmung der deutschen Sprache durch Jammerlappen mit zu viel Zeit (i.e. Sprachpfleger) entgegenstellen und - längst überfällig - darlegen, wie die Sprachforschung jenseits von Spiegel Online mit dem natürlichen Sprachwandel umgeht. Dazu gibt es ein schönes Interview mit dem Düsseldorfer Germanisten Rudi Keller in der heutigen SZ: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/966/182400/
Eine Sprache verfällt nicht, eine Sprache entwickelt sich. Willkommen in der Future, Mr. Zwiebelfisch.
Feindliche Übernahme (1): Universität Bayreuth in Würzburg gesichtet
Hätten Sie´s gewusst? Laut google maps befindet sich in Würzburg nicht etwa die FH Würzburg, sondern die “Universität Bayreuth”.
link
Zitat der Woche (8)
“Religion is an insult to human dignity. With or without it you would have good people doing good things and evil people doing evil things. But for good people to do evil things, that takes religion.”
Steven Weinberg
Comic der Woche

Cyanide & Happiness @ Explosm.net
Those who desire to give up freedom in order to gain security…
“Schäuble ist ein Sicherheitsfanatiker. Sein Weg hin zum Überwachungsstaat halte ich für Schwachsinn.”
(Michael Pohly, deutscher Islamforscher und Terrorismusexperte im SZ Interview am 15.5.08 )
konstruierte Realität
“Ich bin hochzufrieden mit dieser Saison und muss der Mannschaft ein Riesenkompliment machen. Wir haben aus meiner Sicht alle unsere Ziele erreicht.”
(Uli “der Würstchenfabrikant” Hoeneß nach der denkwürdigen 0:4 Niederlage des FC Bayern im UEFA-Cup Halbfinalrückspiel gegen Zenit St.Petersburg)
Auf zu neuen Taten!
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel, Suhrkamp, FaM, S.579)
Die Bedrohung des Nachdenkenkönnens
Kann es sein,…
…dass Niklas Luhmanns Artikel “Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten“ [in: ders.,1971, Politische Planung, 143-164] nach wie vor hochaktuell ist?
…dass Harmut Rosas soziologische Studie “Beschleunigung” Luhmanns Erkenntnisse lediglich aktualisiert?
…dass “Aufmerksamkeitsökonomie” lediglich eine Weiterführung Hegelscher Weisheit in neuem Gewande ist?
…dass jene zu einem race to the bottom führt, weshalb es immer bedeutsamer wird, sich gegenseitig wieder seine volle Aufmerksamkeit zu schenken?
…dass die Variable Zeit wissenschaftliche Arbeiten (Stichwort Zeitmanagement) mehr beeinflusst als Intellekt und Rhetorik?
…dass der Gelassenste unter den Gehetzten doch niemals die Ruhe selbst ist?
…dass die größte Bedrohung des Nachdenkenkönnens nicht Bildungs- sondern Zeitmangel ist?
…dass jenes Phänomen den Weberschen Idealtyp der partizipierenden Zivilgesellschaft (u.a. Almond/Verba) und damit unsere repräsentative Demokratie in seinen Grundfesten bedroht?
…dass dies alles relativ irrelevant ist, solange Nachdenkenwollen unterrepräsentiert ist?
…dass demnach psychische Determinanten (selbst-)kritische Reflexionen maßgeblich beschränken und nur bedingt zulassen?
…dass dies wiederum Kuhns These, wonach normale Wissenschaft nur puzzle-solving betreibt und revolutionäre Wissenschaft äußerst selten ist sowie fast nie von renommierten Lehrstuhlinhabern geleistet wird, einmal mehr bestätigt?
…dass Aristoteles Ausspruch, zu viel Wissen mache unzufrieden, nach wie vor gültig ist?
…dass desselben Mesoteslehre, in moderner, adaptierter Form etwa Alex Wendts via media oder middle ground, das Maß aller Dinge darstellt und Bernhard Williams´ Aussage, dieser Teil der aristotelischen Lehre sei von jeher überflüssig, grundlegend falsch ist?
Zitat der Woche (7)
“Es sollte bei der Organisation der höheren Lehranstalten alles darauf beruhen, das Prinzip zu erhalten, die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten und unablässig sie als solche zu suchen.”
(Wilhelm von Humboldt, Denkschrift 1809)

